Die in der Ausstellung UTOPIE PASSION vorgestellten Projekte formulieren, gedanklich komplex, Perspektiven auf das Kloster mit dem barocken Szenenbild des Himmlischen Theaters und, zum Teil, auf die möglichen Bezüge zum sozialen Modell der Idealstadt Eisenhüttenstadt.


Michael Hofstetter greift im barocken Kulissenbild den Gedanken des 'theatrum mundi', der 'Welt als Bühne' auf. Er betrachtet dabei das Kulissenbild als Materialisation der Beziehung vom Menschen zu Gott. In seinem Projekt entwirft er das Kulissenbild als eine Skulptur, das Bild wird zu einem Block aus massivem Holz. Die entstehende Form ähnelt einer Großbildkamera. Unter der barocken Annahme, dass alles Irdische bloß Theater, bloss Schein ist, haben die Apparate, die Schein bzw. Illusion erzeugen - das Kulissentheater, später die Fotografie - die Macht, Wirklichkeit zu erzeugen. M.Hofstetter erzeugt mit seinem Projekt selbst keinen neuen Illusionsraum, sondern begreift den im Kulissenbild erzeugten Schein als einen Ort: als einen Schwellenraum zwischen Mensch und Gott, der sich aus den zwei gegenläufigen Beziehungen des Menschen auf Gott und von Gott auf den Menschen bildet; der Entzückung oder Ekstase des Menschen zu Gott hin und der Inkarnation des Menschen durch das Göttliche.

Hofstetter übersetzt die Begriffe Entzückung und Inkarnation in Brailleschrift und schreibt sie auf zwei Seiten der Skulptur, die der Schauseite und dem Prospekt des Kulissenbildes entsprechen. Auf die Seite des Zuschauers: Entzückung; auf die Rückseite, die Seite Gottes, des Altars: Inkarnation. Die entstehenden Punkte auf den Stirnseiten des hölzernen Körpers bohrt er unterschiedlich tief in die Form. Die Beziehung von Mensch zu Gott wird zur materiellen Spur im Holz.

In der Ausstellung wird ein Modell dieser Skulptur in der Kirche zum Heiligen Kreuz präsentiert. Auf dem Stiftsplatz selbst wird nicht die Skulptur als Ganze zu sehen sein. In der allgemeinen Vorbereitung der Installation auf dem Stiftsplatz entstand ebenfalls ein Modell, das das Kulissenbild als Volumen begreift und in vier Teile zerteilt. Diese vier Teile werden als hölzerne Schalen realisiert und auf dem Platz errichtet. M.Hofstetter übernimmt diese Teilung des Kulissenbildes in sein Projekt und zeigt auf dem Platz nur einen Teil der ganzen Skulptur. Die Betrachter haben hier nicht mehr das Ganze vor Augen, sondern nur ein Fragment, ein Fragment der Kulisse, des 'Schwellenraums', der Beziehung. Die Löcher verlieren den Bezug zum Begriff, sind nur noch seltsame Bohrungen in einem hölzernen Körper: die Reduktion auf eine blosse abstrakte Formation entspricht einer Horizontlosigkeit unserer Gegenwart.


  • 01_DemAnschauer_Grundplan
  • 02_DieTheorieDerGeister
  • 03_SchemaFotoapparat
  • 05_WasFürAbweichungen
  • 05_SkizzeNeuzellle1 copy
  • lorenzo lotto
  • michael modell+
  • _DSC0649 Kopie
  • _DSC0654 Kopie
  • 2019_Neuzelle_Morgens_Schlitz1 Kopie
  • Freitag_28.06_Abends_Detail_Verzückung Kopie
  • 2019_Neuzelle_Abends_Innen1 Kopie



Mit dem Projekt 'Nacht der Sirenen (1951)' entwirft Alexandra Hopf die Vorstellung einer Tanzaufführung im Jahr 1951, in Eisenhüttenstadt, in der Konzeptions- und Gründungsphase als Plan- bzw. Idealstadt. A.Hopf entwickelt die Idee einer Choreographie im Bezug auf die Bedeutung, die der Tanz vor allem auch heute in der Stadt hat. Sie verknüpft diese Gegenwart und ihre Überlegungen zur hervorgehobenen Rolle des Tanzes in der schrumpfenden Stadt mit der Rekonstruktion einer politischen Spannung, mit der Vorstellung, wie Idee und Ideologie des neuen Staates die junge Aufbaugeneration in der Gründungsphase der Stadt unmittelbar körperlich erfasste.

Die Choreographie entsteht vor allem in der Vorstellung des Betrachters. Es ist ein Geschichtsbild, das A.Hopf über eine Reihe von verschiedenen Elementen und dem offenen Gewebe an Beziehungen, das sich zwischen ihnen ergibt, erzeugt. Der Betrachter tritt, wenn er auf dem Platz den zu einer Vitrine umgeformten Kubus betrachtet, vor ein Tableau in Form einer Figurenkonstellation. Ein Textkörper, eine in den Raum geschriebene Geschichte beschreibt eine Aufführung des Tanzes, transzendiert dabei geschichtliche Ebenen, indem Verbindungen zu weiteren Texten entstehen. Vor allem posieren im Tableau aber Figuren in Overalls, Einteilern mit Kapuze. Die Figuren für sich und als Gruppe bilden das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv ab, wie es gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Veränderung unter Spannung gerät. Der Schnitt der Overalls beruht einerseits auf dem Entwurf eines Arbeitsanzugs aus der russischen Avantgarde, der wesentliche geschichtliche Vorläufer ist aber der sogenannte 'siren suit' aus dem England des 2. Weltkrieges, der von Frauen getragen wurde. Seinen Namen hat dieser Anzug, wie man denken könnte, nicht von den Sirenen der griechischen Mythologie, sondern aufgrund der Kriegssirenen erhalten.

Die bewusste Inszenierung von Ambivalenzen in der Rekonstruktion des Tanzes als geschichtlichem Bild stellt das ambivalente Wesen, eine Mythenbildung in der Rekonstruktion von Geschichte heraus - und stellt hier auch eine Frage an das Kulissenbild.


  • UP3 Kopie
  • UP5 Kopie
  • UP_close1a Kopie
  • UP_close5 Kopie
  • UP_keller Kopie
  • group sirens2+caption klein
  • detail+caption kl2



Armin Hartensteins künstlerische Arbeit kreist um die Beziehungen zwischen Bildvorstellungen, Malerei und (landschaftlichen) Orten. Seit 2006 entsteht eine Serie kleinformatiger, aus Zeichnungen, Fundstücken, Fotografien, Malereien collagierter Bildobjekte, die A.Hartenstein vor allem unterwegs anfertigt. Die Bildobjekte erzeugen Vorstellungen von Landschaft, die der Imagination gerade im Kontrast zu Material und Dimension die Erfahrung von Tiefe und Raum erlauben. Diesen imaginativen Raum übersetzt A.Hartenstein mit dem Projekt „BOVE“ in eine sozialplastische Form: von 2013-18 finden in einer begehbaren Raumskulptur in einem Zimmer seines Ateliers in Düsseldorf Ausstellungen und weitere Veranstaltungen statt. A.Hartenstein präsentiert hier innerhalb des eigenen Werks die Arbeit anderer Künstlerinnen und Künstler. Die Raumskulptur entsteht auch als plastisches Nachbild der Auseinandersetzung mit einem Renaissance-Gemälde, einer 'Grablegung' von Fra Angelico. Diesen Ursprung nimmt A.Hartenstein auf, wenn er seine Architekturskulptur „BOVE“ im Rahmen der Ausstellung auf den Stiftsplatz des Klosters platziert und entwirft die von ihm bislang im Rahmen des Ateliers vollzogene gesellschaftliche Öffnung seiner künstlerischen Arbeit als soziale Form im Kontext von Kloster und Idealstadt.


  • armin 1
  • armin 3
  • armin 4_2
  • armin 5_1
  • armin 6
  • armin 7
  • armin 8
  • armin 9


Im Werk der Malerin Tamara K.E. begegnet der Betrachter einem Bild-, Zeichen-, Symbolraum, wie er sich in der Bewegung durch das komplexe Gewebe zeitgenössischer Medien und der sich dort kontinuierlich ereignenden Verwandlung von Zeichen und Bildern entfaltet. Sie nimmt in der jüngeren Praxis auf diese Bewegung von der Malerei aus Bezug, indem sie digitale und haptisch malerische Elemente und Ebenen schichtet. Sie wechselt zwischen analogem und digitalem Raum, sucht in diesem Übergang eine Auflösung, ein Verschwinden des Menschen, das sie im Hintergrund der medialen und kulturellen Entwicklung wahrnimmt. So prägnant und teils herausfordernd ihre Malerei auftreten kann, so wenig bestätigt sie sich in der opulenten Oberfläche. Sie sucht eher nach etwas, was sich in den Abständen der Bildebenen eröffnet.

Für die Ausstellung 'Utopie Passion' entwickelt Tamara K.E. eine Bildchiffre: eine segnende Hand und ein gesichtsloser Kopf deuten eine Person an - im Klosterkontext erscheint diese zunächst als eine geistliche Person. Hand und Kopf wirken wie in einen Block eingetragen, in Flächen und Texturen, in denen das Rauhe einer geputzten Wand mit der Körnigkeit eines verpixelten Bildes verschmilzt. In dem Moment, in dem das Haptische in der Wahrnehmung des Bildes das Zeichenhafte überlagert, wirkt auch der Kopf nicht mehr als Darstellung, sondern als blinde Öffnung auf etwas, was das Bild erst zu fassen versucht: einen Zustand der Anonymität, ein Sein im Rauschen, vor dem die segnende Hand vor allem als Erinnerung erscheint.  


  • tamara bild klein
  • 01 Kopie_2
  • 04 Kopie_2
  • 03 Kopie_2
  • 02 Kopie_2
  • 06 Kopie
  • 05 Kopie